Beach Buggy

Früher, Rentner mögen sich vielleicht noch erinnern, wurde unser Volk mit dem Volkswagen volksmotorisiert, wobei Volkswagen einerseits der gleichnamige Konzern, andererseits dessen einziges PKW-Modell war, das heute gemeinhin als VW Käfer bezeichnet wird. Noch früher, in einer Diktatur, an deren Beteiligung sich viele Rentner nicht mehr erinnern mögen, hieß dieses Ding Kraft-durch-Freude-Wagen. In den Dreißigern des vorigen Jahrhunderts hatte man an die Freude noch nicht so hohe Ansprüche. Immerhin konnte man mit dem Volkswagen auf der deutschen Autobahn dreistellige Geschwindigkeiten erreichen, so etwa 98,3 km/h, weswegen es dort traditionellerweise keines Tempolimits bedarf. Der KdF-Wagen, dessen Konstruktion Ferdinand Porsche zugeschrieben wird, aber wohl eigentlich von Josef Ganz stammt, begeisterte den Diktator mit dem Charlie-Chaplin-Bärtchen so sehr, daß er Ferdinand Porsche ordentlich unter die Arme griff. Um dann mit einer abgewandelten Version namens Kübelwagen den kriegswehrtauglichen Teil der Bevölkerung quer durch Europa kutschieren zu lassen. Unsere Jungs wurden aber nicht überall freundlich empfangen, vielleicht haben sie sich nicht so gut benommen, man weiß ja, wie wie sich unsere Landsleute manchmal im Ausland verhalten. Vielleicht wurde das neuartige Gefährt aber auch einfach als Bedrohung für die dortige Autoindustrie wahrgenommen. Jedenfalls kamen nicht viele von den Kübelwagen zurück, und die Insassen der zurückkehrenden hatten oft noch mehr Teile und Betriebsflüssigkeit verloren als ihr Fahrzeug.
Nach dem Krieg wollte dann keiner mehr etwas von den Nazis wissen, weswegen es dann auch plötzlich keine mehr gab, aber die Autobahnen waren immer noch da, und der Volkswagen wurde wiederentdeckt, um sie mit dieser motoristischen Notlösung zu bevölkern. So pendelte der Wirtschaftswunderer mit Heckmotor, Pendelachse und Blumenvase (nur in der Export-Version) zu seinem Büro oder Volkswagenwerk, oder fuhr mit Familie und viel Geduld über die Alpen, um sich anschließend beim Spaghettiessen zu blamieren.
Im Laufe der Jahre wurde der Volkswagen behutsam weiterentwickelt, denn man wollte die Kundschaft ja nicht mit echten Neuerungen, wie Frontmotor oder Wasserkühlung, vergraulen. Gut, der Motor war irgendwann doppelt so stark, auch dessen Durst, auch die Heizung nach dem Auschwitz-Prinzip, d. h. Abluft vom Motor incl. Abgase direkt in den Innenraum, wurde durch die sagenhafte “Frischluft-Heizung” abgelöst, die zwar immer noch zu schwach war, aber man wußte ja: was nicht tötet, macht hart wie Kruppstahl. Viele Leute kauften den Volkswagen wegen eines Vorzugs, mit dem der Hersteller auch warb: der Käfer “läuft und läuft und läuft”. Das war auch sein größter Nachteil: dieser rollende Anachronismus mit dem markant scheppernden Motorgeräusch behinderte noch weit bis in die Neuzeit den Straßenverkehr.
Irgendwann um die Mitte des letzten Jahrhunderts kam man bei Volkswagen dann auf die Idee, den Käfer in die Vereinigten Staaten zu exportieren. Ob hier Aversionen wegen des Sieges der Alliierten eine Rolle spielten, ist nicht überliefert, jedenfalls konnte man den Amerikanern das Ding in Stückzahlen andrehen, weil die amerikanische Autoindustrie es konsequent vermieden hatte, ihre Konsumenten mit dem Begriff “Fahrwerk” zu irritieren. Später fand dann ein gewisser Ralph Nader heraus, daß man das Lenkrad während der Fahrt so drehen kann, daß das Fahrzeug außer Kontrolle gerät. Wer hätte das gedacht? Manche Amerikaner kauften den Käfer, weil er billig war und daher noch genug Geld fürs Essen übrigblieb, andere aus Regellion gegen die Gesellschaft. Ein bekanntes Beispiel für letzteres war der Rebell James Dean, der sich eine tiefergelegte und frisierte Version des Volkswagen leistete, die Porsche unter seinem eigenen Namen verkaufte. Ich schreibe jetzt mal, daß sich James Dean aus Protest damit totfuhr, denn wenn ich sage, es lag am Fahrwerk, oder daran, daß das Auto zu klein war, um es auf der Straße sehen zu können, würde ich vielleicht Ärger bekommen.
Aus dem gleichen Grund, aus dem sich die Rocker ihre Chopper aus Harley-Davidsons zusammenschraubten, entdeckten dann die Bienen-und-Blumen-Kinder den Käfer als Schrauberobjekt für sich: er war sehr billig. Irgendwann merkten die Hippies, daß sie ihren Lebensstil auch irgendwie vermarkten könnten – weißt Du, so Meditationskurse machen oder Batikhemden importieren, das hilft der Dritten Welt voll, Du, echt – und wurden als Zielgruppe für den “Neuen Käfer” (New Beetle) entdeckt. Daß der New Beetle eigentlich nur eine unpraktischere Version des Golf war, merkten die Althippies nicht, denn wenn man zuviel kifft, bekommt man nicht mehr so richtig mit, was in der Welt da draußen so vor sich geht, laßt Euch das gesagt sein. Wichtig war, daß dank Klimaanlage das Gemüse auf der zweistündigen Rückfahrt vom Öko-Bauernhof jetzt länger frisch blieb, und die Kühe wurden nicht mehr von so einem scheppernden Motorgeräusch verstört. Und wegen der Zentralverriegelung brauchte man nicht mehr so voll kompliziert viele Schlösser finden. Auch landete das Huhn, das man eigentlich vor dem grausamen Tod im Schlachthof retten wollte, nicht mehr versehentlich im Motorraum, der weil der jetzt vorne war. Aber ich schweife ab.
Die Hippies wollten der Natur nahe sein und sich nicht mit Blech von ihr abschotten. Also nahmen sie ein billiges Gefährt, das für ein Pfund Gras den Besitzer wechselte, und entfernten das Blech. Damit konnten sie dann der abgasverseuchten Stadt entfliehen und durch die Dünen an den Strand fahren, um dort über die Auswirkungen des Autoverkehrs auf empfindliche Ökosysteme zu diskutieren, oder um schöne große Peace-Symbole in den Sand zu fahren. Wenn dann der Sprit alle war, konnten sie beobachten, wie Mutter Natur auf Ebbe Flut folgen ließ und das gute Stück langsam vom Salzwasser umspült wurde, während sie sich darüber stritten, wer heute mit Tanken dran war und ob die Katze es überlebt, wenn sie ihre Medizin heute abend nicht bekommt. Das Auto, um das es hier geht, das einer ganzen Generation eine Bewußtseinserweiterung durch die Auseinandersetzung mit bürgerlichen Ideologien wie Nützlichkeit oder Fahrspaß ermöglichte, war der Strand-Buggy, auch Dünen-Buggy, genannt. Dieses kleine kalifornische Wunder versöhnte noch mitten im kalten Krieg westliche Vorkriegstechnik mit modernen östlichen PlastikKarosseriebaumethoden. Der Meyers Manx hatte das Licht der Welt erblickt!
Irgendwann wurden die Hippies weniger, vielleicht, weil Kiffen hungrig macht und Essen Geld kostet und zwischen den Meditationskursen nicht mehr genug Zeit blieb, um an den Strand zu fahren, oder sie sind in ihren leergefahrenen Buggies aufs offene Meer hinausgetrieben, immer dem Sonnenuntergang entgegen, wer weiß. Die Hippie-Ära endete jedenfalls, es kamen Disco, Punk und New Wave, und irgendwann fuhr man dann per Anhalter zum Strand, um dort Araber zu erschießen. Meyers entwickelte währenddessen tapfer den Manx weiter, ohne die Zielgruppe aus den Augen zu verlieren, zum Manxter 2+2, der jetzt auch Rücksitze für die beiden Kinder aus der dritten Ehe mitbringt. Und eine Motorisierung, mit der man sich nicht vor dem BMW des Nachbarn scheuen muß. Natürlich gehört in einen Beach Buggy der vom Käfer gewohnte Vier-Zylinder-Boxermotor. Aber woher nimmt man den, wo der Käfer nicht mehr gebaut wird? Man schielt ins Land der aufgehenden Sonne und erblickt den mit östlicher Weisheit und viel Yin und Yang veredelten Subaru Impreza WRX STI mit seinem Vier-Zylinder-Boxer-Freude-durch–Kraft-Motor! Auch wenn der Motor für das rauhe Strandleben zugunsten der Haltbarkeit etwas entschärft wurde, reichen seine immer noch 250 PS, um das 900 kg-Sandkastenauto in 4,2 s auf 60 Meilen pro Stunde zu katapultieren. Da freut sich der Hippie, denn die Katze bekommt jetzt immer rechtzeitig ihre Homöopathie, und er schafft es jetzt auch zwischen den Meditationskursen noch mal zum Strand. Um dann dort gegen seinen Nachbarn mit dem unpatriotischen X5 die Viertelmeile zu gewinnen.

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